Story

«Ein Unikat der besten Sorte»

Während den Olympischen Spielen 1948 in St. Moritz schaute der damals neunjährige Mario Verdieri mit seinem Vater den Eishockeyspielen zu. Damals ahnte er noch nicht, dass er rund 50 Jahre später auf dem gleichen Gelände einen Golfplatz entwerfen sollte. Im Interview erzählt uns der Vater des Kulm Golfs wieso der Platz so speziell ist und was für ihn die Faszination des Golfsports ausmacht. 

Herr Verdieri, Sie sind 77 Jahre alt. Spielen Sie selbst noch Golf?
Ja, regelmässig. Jede Woche ein, zwei Mal in St. Moritz.

Dann kriegen Sie bestimmt auch viele Feedbacks von anderen Golfern mit. Was sagen Gäste, die das erste Mal auf dem Kulm Golf spielen?
Die meisten sind erstaunt, dass man auf einer so kleinen Fläche so gut Golf spielen kann. Viele schätzen auch die Landschaft, die den Golfplatz umgibt. Das ist für Golfer aber sekundär. 

Was ist am Kulm Golf speziell im Vergleich zu anderen Golfplätzen?
Die Topographie des Platzes und der Standort sind sehr speziell. Wir spielen hier auf dem höchsten Punkt der Oberengadiner Talsohle und haben bei jedem der neun Loch einen ganz anderen Blick. Obwohl der Kulm Golf technisch gesehen ein Kurzplatz ist, ist er durch seine Anlage sehr anspruchsvoll. Golfer haben hier bei jedem Loch eine Challenge.

Für welche Golfspieler ist der Kulm Golf geeignet?
Wenn jemand die Platzreife hat, kann er hier spielen. Präzision ist in St. Moritz wichtiger als Länge. Andernorts sind Kurzspielplätze oft Bestandteile von grossen Golfanlagen, die für Anfänger geeignet sind. Oder in Asien sind es die sogenannten City-Golf-Courses auf denen Geschäftsleute schnell über Mittag eine Runde drehen. Der Kulm Golf ist etwas ganz Anderes. Er ist ein Unikat der besten Sorte, der perfekt in die Landschaft und in das Gelände eingebaut ist. Das meine ich ganz ohne Eigenlob.

Golfen hat in St. Moritz eine lange Tradition – schon seit 1890 wird hier der Sport praktiziert. Welchen Stellenwert hat Golf heute noch in St. Moritz?
Der Stellenwert ist hoch, vor allem auch wegen dieser grossen Tradition. Der erste offizielle Golfplatz in St. Moritz ging vom Bahnhof dem See entlang bis zum Casino zur heutigen Eisbahn. 1893 ist der Engadin Golf Club gegründet worden. Man kann davon ausgehen, dass dieser der älteste seiner Art auf dem Kontinent ist.

Spielen heute mehr Leute Golf als früher?
Ja, wesentlich mehr. Die Bandbreite reicht von meinem vierjährigen Enkel bis zum 77-Jährigen Grossvater (lacht). So gesehen ist Golf ein idealer Familiensport. Dass es zu einer Golfexplosion kommen würde, sah man bereits Mitte der 70er Jahre. Vor allem in England, wo Golf ein Volkssport ist. 

Ist Golf wirklich eine Sportart im eigentlichen Sinne des Wortes?
Auf jeden Fall. Spitzenspieler müssen körperlich und mental extrem fit sein. Denn der erste Schlag ist genauso wichtig wie der letzte. Dazwischen liegen gut und gerne 4,5 Stunden, in denen die Konzentration nicht nachlassen darf. Das geht nur, wenn man topfit ist. 

Was macht die Faszination des Golfsports aus?
Das ist schnell gesagt: Sie können noch so gut spielen, im Nachhinein sitzen Sie da und sagen sich, dass Sie es noch besser gekonnt hätten. Diese ständige Provokation animiert immer wieder zum Weiterspielen.

Hätte auch Tiger Woods in St. Moritz Freude am Golfen?
Ja, das kann ich mir schon vorstellen. Allerdings müsste er wohl nur zwei Schläger mitnehmen (lacht). Heute kommen Top-Profis wie Tiger Woods auf unglaubliche Längen. Das hat einerseits mit dem Material zu tun und andererseits mit dem Körperbau der Spieler. Das sind richtige Athleten. 

Bei wie vielen Golfplätzen hatten Sie die Finger im Spiel?
Bei vielen (lacht). Vom ersten Strich bis zum fertigen Platz waren es 18. Alles in allem habe ich bei 65 Projekten mitgearbeitet – in der Schweiz, in Italien und Deutschland, auf den Kanaren, in den USA und in anderen Ländern.

Wie wird man eigentlich Golfplatzarchitekt?
Man kann es lernen, in Amerika und Deutschland gibt es mittlerweile Lehrgänge dafür. Meinen ersten Golfplatz habe ich 1965 geplant, als ich in Lugano für einen Architekten gearbeitet habe. Danach war ich ein paar Jahre im Ausland, ich spielte damals schon ein einstelliges Handicap. 1978 übernahm der ehemalige St. Moritzer Kurdirektor Peter Kasper die Betriebskommission des Golfplatzes Samedan und beauftragte mich mit dem Umbau des Platzes, weil alle Profis einfach zu teuer waren. Danach haben mich immer wieder Leute angerufen, die interessiert waren, Golfplätze zu bauen oder umzugestalten.

Was machten Sie damals hauptberuflich?
Ich hatte mein Architekturbüro in St. Moritz mit 15 Angestellten. Irgendwann hatte ich so viele Anfragen aus dem Golfbereich, dass ich mir gesagt habe: Entweder machst du es professionell oder hörst damit auf. Ich habe mich für die erste Variante entschieden und ein zweites Standbein aufgebaut.

Was war für Sie das persönliche Highlight Ihrer Karriere als Golfplatzarchitekt?
Den Platz hier in St. Moritz zu machen, bei mir Zuhause, das hat mich natürlich riesig gefreut. Es macht mich heute noch stolz.  

Verraten Sie uns Ihren Lieblingsgolfplatz auf der ganzen Welt?
(Schmunzelt) Das gibt einen, in Boat of Garten, mitten in den schottischen Highlands. Ich war als junger Mann dort, weil ich als Skilehrer Englisch lernen wollte. Bei diesem Platz musste man praktisch nichts umbauen, er war wunderschön in die Landschaft eingebettet. Die Mähmaschinen der Fairways waren Schafe (lacht). Der Platz hat meine spätere Arbeit als Golfplatzarchitekt stark beeinflusst, weil er so natürlich angelegt war. Ich bin ein ausgesprochener Augenmensch und etwas Fremdes in der Landschaft stört mich.

Zum Schluss – hat Mario Verdieri ein Golf-Idol?
Ja, Arnold Palmer. Dazu fällt mir eine Anekdote ein: Ich war mit Schweizer Freunden in Santo Domingo am Golfen und hatte Sonnenhut und Sonnenbrille an. Alle Amerikaner grüssten mich zum Erstaunen meiner Freunde überfreundlich – obwohl ich niemanden kannte. Ein Jahr später spielte ich in Florida. Auf dem Tee schaute mich ein Spieler an und sagte: «You look like Arni Palmer!» Ein paar Loch weiter sagte man mir, ich hätte den gleichen Swing wie Arnold Palmer. Viele wollten Fotos von mir und ich musste sogar Autogramme geben. Da war mir klar, weshalb mich die Leute in Santo Domingo so freundlich gegrüsst hatten (lacht).