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Geschichten rund um die alpine Spielwiese von St. Moritz

Resonanzräume

Resonanzräume

Von
Mathis Neuhaus

Rolf Sachs gehört zu St. Moritz und St. Moritz gehört zu Rolf Sachs. Der vielseitige Künstler prägt als Vorsitzender des legendären Dracula Clubs das Nachtleben des Ortes und macht als guter Gastgeber immer wieder überraschende, generationenübergreifende Begegnungen möglich. Sein Blick auf das Engadin ist der eines Insiders, der trotzdem immer offen bleibt für äussere Einflüsse. Grosszügigkeit hat bei diesem Mann Prinzip.

Mathis Neuhaus: Ich habe die Freude, heute mit Ihnen über alle möglichen Themen zu reden, die St. Moritz betreffen.
Rolf Sachs: Viele Dinge verbinden mich mit dem Ort. Der Cresta, der Bob Run, der Dracula Club natürlich, aber auch das Kulm und die Sunny Bar. Es gibt Berührungspunkte auf allen möglichen Ebenen.

Vielleicht können wir mit der Zugfahrt von Chur nach St. Moritz beginnen. Auf meiner letzten Reise ins Engadin konnte ich mich nicht satt-sehen an der Aussicht und der Schönheit, die einem auf dieser Fahrt begegnen. Vor einigen Jahren haben Sie eine Arbeit namens «Camera in Motion: From Chur to Tirano» realisiert, die sich mit diesem Thema auseinandersetzte und eine Langzeitbeobachtung von genau dieser Strecke war. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe eine sehr enge Verbindung zu dieser Zug-strecke, weil ich viele Jahre in Zuoz im Engadin in die Schule gegangen bin und in Lausanne meine Heimat hatte. Ich bin die Strecke weit über 100 Mal gefahren. Es gibt andere berühmte Bahnstrecken auf der Welt, aber diese ist wirklich etwas Einmaliges, auch wegen der Ingenieursleistung, die dahintersteckt. Allein wenn man das Landwasserviadukt sieht, wo der Tunnel mitten in den Berg führt. Ich habe über ein Jahr aus dem Zugfenster heraus die Landschaft fotografiert. Die Langzeitbelichtung produzierte eine abstrakte, verwunschene Ästhetik voller Dynamik. Das Ergebnis ist nicht nur visuell interessant, sondern auch philosophisch. Damit setzte ich der Strecke, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, ein Denkmal.

Welche Assoziationen löst der Begriff der «Ikone» in Ihnen aus? Die Rhätische Bahn ist eine Ikone, der Dracula Club ebenso. Es gibt viele weitere Marker in Ihrer Biografie und aus Ihrer Arbeit, die diese Beschreibung zulassen würden.
Eine Ikone ist etwas, das mit der Zeit entsteht, sie muss ein Resonanzraum sein. Menschen können Ikonen sein, eine Bahnstrecke auch, aber auch eine einzelne Fotografie oder ein Bild. Die wahre Schönheit liegt im Charakter. In der Toleranz und im Respekt. Und wenn sich diese Qualitäten mit dem Ästhetischen verbinden, dann entsteht eine besondere, vielleicht sogar eine ikonische Schönheit.

Wo situieren Sie sich zwischen den Polen der Tradition und der Moderne? Fühlen Sie sich zu dem einen mehr hingezogen als zu dem anderen?
Als Künstler bin ich Avantgardist, als Person jedoch auch traditionsbezogen. Ich berühre, je nach Perspektive, beide dieser Pole. In meiner kreativen Arbeit möchte ich immer etwas Neues finden. Denke ich an das Kulm Hotel oder den Cresta, wo die Fortführung von Traditionen eine grosse Rolle spielt und viele Dinge weiterhin so gehandhabt werden wie in früheren Tagen, dann hat dieses Traditionsbewusstsein auch etwas sehr Schönes.

Wie hat sich St. Moritz verändert, seit Sie es kennen?
Es ist weiterhin nicht die Architektur, die St. Moritz lebenswert macht. Einmalig ist aber die Natur, das offene Tal, die drei Seen und vor allem der Geist des Ortes und welche Leute davon angezogen werden. Das war immer die grosse Attraktion, und sie bleibt es bis heute. St. Moritz kann durchaus wieder mit seiner Glanzzeit konkurrieren. Ich höre oft, die alten Zeiten seien so toll gewesen. Ich sage: Die alten Zeiten waren ähnlich wie heute. Nur ist es heute, und das ist ja auch richtig so, weniger exklusiv. St. Moritz hat in vielen Bereichen grosse Schritte nach vorn gemacht, kulturell vor allem. Es gibt immer mehr Galerien, im Tal und darüber hinaus.

Und Rom? Was hat Ihre andere Heimat, was St. Moritz nicht hat?
St. Moritz ist ein Dorf und Rom ist eine Stadt. Die Ironie ist, dass St. Moritz sehr kosmopolitisch ist, im Gegensatz zu Rom. Wie die meisten Städte in Europa hat Rom eine provinzielle Seite und funktioniert sehr lokal. Das Spannende an St. Moritz ist, dass es Leute anzieht, die man sonst nicht unbedingt an einem Ort finden würde. Das ist doch erstaunlich. Das hat es Rom voraus und vielen anderen Städten. Das gibt dem Dorf seinen Charakter.

Eine Qualität, die man eigentlich von einer Metropole erwarten würde.
St. Moritz zieht zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Jahres ganz unterschiedliche Leute an. Es gibt immer wieder Begegnungen mit spannenden Personen.

«Als Künstler bin ich Avantgardist, als Person jedoch auch traditionsbezogen. Ich berühre, je nach Perspektive, beide dieser Pole.»

Was sind Merkmale, die für Sie eine gute Gastgeberschaft ausmachen, oder Dinge, die Sie kultivieren, um ein guter Gastgeber zu sein?
Offenheit und eine gewisse Freiheit im Kopf, um jedem Menschen auf die gleiche Art entgegenzukommen. Für mich ist wichtig, alle gleich zu schätzen und Harmonie zu stiften. Bei einem guten Gastgeber spielen nicht das Essen und der Wein die Hauptrolle, sondern die Mischung und das Herz. Das sind für mich wichtige Aspekte in meinem Selbstverständnis als Gastgeber.

Wenn ich an das Kulm denke, denke ich an gelebte Geschichte. Können Sie damit etwas anfangen, auch in Bezug auf Ihre eigene Art zu denken und zu leben und Dinge zu sammeln?
Die Art, wie ich meine Häuser gestalte und mich mit Dingen umgebe, wird dieser Beschreibung durchaus gerecht. Mein Haus in St. Moritz, im ehemaligen Olympiastadion, hat natürlich vor allem mit der Sport-geschichte des Dorfes zu tun. Und mit dem Bauhaus und De Stijl, zwei künstlerischen Strömungen aus der Zeit, als das Stadion gebaut wurde. Das Kulm, in seinem schönen, altmodischen Grandhotel-Stil, verfügt über einiges an Memorabilien. Ich denke zum Beispiel an die Sunny Bar, die ich selbst vor langer Zeit renoviert habe. Dort gibt es Pokale, die zum Teil bis zu 140 Jahre alt sind, das ist etwas ganz Besonderes. Und auch im Cresta gibt es viele Fotografien und Schätze. Die Engländer haben ein unglaubliches Know-how darüber, wie so ein Club geführt wird. Wenn Deutsche oder Schweizer das machen würden, wäre es ein Verein und hätte sicherlich nicht die Seele, die es jetzt hat. Das macht sich auch in den Preisverleihungen bemerkbar, die seit vielen Jahrzehnten in der Sunny Bar stattfinden. Die sind jedes Mal ein echtes Fest, sehr spektakulär.

Zu guter Letzt fällt Ihnen vielleicht noch ein Geheimtipp ein, wie sich das Engadin am besten erleben lässt. Als jemand, der die Region wie seine Westentasche kennt.
Wir haben noch fast überhaupt nicht über den Dracula gesprochen. Wir können gerne noch. Ach, ich glaube, es gibt wahnsinnig viele Geheimtipps, zwischen all den Seen und Hütten und der Natur. Ich sage immer: Ich könnte sechs Wochen einen Gast haben und jeden Tag etwas anbieten. Das Angebot ist unendlich.

Nun gut, dann noch der Dracula. Ich habe mich in der Vorbereitung auf dieses Gespräch gefragt, wie man am besten über den Club redet. Es gibt eine Spannung zwischen der Klandestinität und gleichzeitig einem Image, das auch nach aussen trägt. Wie hält sich das in der Balance, damit dieser Ort Bestand hat?
Ein Club wie der Dracula ist ein erweiterter Stammtisch, so nenne ich es. Auf eine Art ist er eine Verlängerung des Cresta. Der Kontakt ist sehr persönlich, und es gibt ein gewisses internationales Flair, ganz so wie in St. Moritz üblich. Für den Dracula ist wichtig, was für mich persönlich wichtig ist: dass die Menschen Humor, Charme und Empathie besitzen, Respekt und Offenheit. Und dann sind wir zusammen in St. Moritz und entwischen dem normalen Alltag für ein oder zwei Wochen. Wir sind nicht mehr nur unter uns, sondern die Mitglieder bringen ihre Bekannten und Freunde mit. Besonders ist auch, dass wir im Club meistens drei Generationen haben, was es sonst fast nie gibt. Sonst gehen die Jungen ganz woandershin, oder die Älteren gehen gar nicht mehr aus. Im Dracula mischt sich das alles und das ergibt eine schöne Harmonie und Stil-Dynamik.

Die Begegnung zwischen den Generationen herzustellen, ist wahrscheinlich eine der grössten Herausforderungen überhaupt heutzutage.
Im Dracula Club war das immer ein natürlicher Vorgang. Früher schon, durch die vielen Freunde meines Vaters, die richtige Charaktere waren. Die fanden die jungen Leute immer supercool.

Das Interview erschien zuerst im Buch «Begegnungen/Encounters», publiziert vom Kulm Hotel St. Moritz.

Fotografie: Katja Meuli & Rolf Sachs

Die Menschen der Begegnung

Rolf Sachs ist ein Schweizer Künstler, Designer und Sammler, bekannt für seinen experimentellen Ansatz an der Schnittstelle von Kunst und Design. Sein unverwechselbares Werk verbindet konzeptuelle Strenge mit spielerischer Neugier. Seine Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem im Vitra Design Museum, im Victoria & Albert Museum und im Museum für Gestaltung Zürich. Zudem ist Sachs Präsident des legendären Dracula Clubs in St. Moritz.

Mathis Neuhaus ist als Autor, Redakteur und Kurator in unterschiedlichen kulturellen Kontexten tätig. Seine Praxis umfasst Kollaborationen mit Institutionen wie dem Schauspielhaus Zürich und CCA Berlin, internationalen Musikfestivals und Modemarken, wo er als Copywriter, Programmgestalter und Stratege wirkt. Als Journalist veröffentlicht er kulturanalytische Texte und als Redakteur verantwortet er unter anderem das Magazin zweikommasieben, das zeitgenössische Musik dokumentiert.