Vertraute Ufer: St. Moritz und der See im Süden
Von
Konstantin Arnold
Unser Autor Konstantin Arnold sinniert. Über die zwei schönsten Orte der Welt. War er erst noch Skifahren auf der Corviglia, liess er sich nun ein Stück weiter im Süden am Lago di Como nieder. Dort findet er bekannte Gesichter, die Vorfreude auf den Sommer und ein vermeintlicher Kontrast zum hochalpinen St. Moritz.
Es ist immer schwierig, wenn man sich eine Zeit lang nicht gesehen hat und sich dann gegenseitig versucht zu erzählen, wie etwas war. Die Reisen, Amouren, der letzte Winter. Oft hängt die Seele noch da, wo die Geschichte spielt. Anders ist es, wenn man Menschen an diesen Orten kennt, die sich erinnern, dann findet die Seele in ihnen ein Zuhause. Man fragt sich auf dem Weg von St. Moritz nach Mailand natürlich, ob es sinnvoll ist, extra für ein paar Negronis zwischen Cernobbio und Ravenna zu halten. Dort arbeitet Angelo im Sommer, nachdem er im Winter in St. Moritz im Kulm gearbeitet hat. Hier bringt er einem die Drinks und wenn er einem die Drinks gebracht hat, an einem Abend unter Bäumen, mit Blick auf den See, dem Knirschen seiner Schritte im Kies und dem Klang von Eiswürfeln im Glas, stellt man sich die Frage, ob sich ein Halt hier lohnt, nicht mehr. Man schwelgt in Erinnerungen an den Winter und denkt über den kommenden Sommer nach, redet mit Angelo über die besten der alten Orte und über einige neue. Ans Meer fährt man sicher noch, aber hier, im Frühling am See, zwischen Norden und Süden, so meint Angelo, muss man, am Ende einer Saison und am Anfang der nächsten, noch nicht wissen, an welches.
«Man fragt sich auf dem Weg von St. Moritz nach Mailand natürlich, ob es sinnvoll ist, extra für ein paar Negronis zwischen Cernobbio und Ravenna zu halten.»
Seit Menschen reisen, sind sie von dieser Region begeistert. 196 vor Christus erobern Römer Como und das südliche Tessin. Ein halbes Jahrtausend später kommen Alemannen von Norden her, werden aber von den Römern aufgehalten. Gott sei Dank. Dazwischen Langobarden, 1496 der Treueeid, 1530 werden Locarno und das Maggiatal eidgenössisch. Nirgendwo knallt das Mediterrane so gewaltig auf das Alpine. Nirgendwo liegt ein Küstenort so sehr in den Bergen. Gletscher und Eis, die beide unter der sündhaft schönen Sonne des gleichen Südens liegen. Man fährt durch einen Tunnel und ist im gleichen Land zweier verschiedener Nationen. Vorbei die grünen Wiesenteppiche der Schweiz, die Postkartenkulissen, der Buttermilchfrieden. Jedes Dorf hat seinen Brunnen und seine Post und sein Gasthaus zur Post. Die Kirchtürme stehen hoch und hohl im Tal, wie Antennen für Gott. Es ist schön, aus dem warmen Innenraum des Engadins in den warmen Aussenraum der Lombardei zu fahren. An den Strassen sieht man nun weltmännische Dorftypen, die ihr Moped an einer Bushaltestelle testen und einer Monica Bellucci hinterherpfeifen. Ein Wirt ist im Lokal unterwegs, der die erste Zeile von Verdis La Traviata singt. Dann schon vergessen: den Märchenwald der Alpen. Die fernen Dörfer, die sich an den Bergen halten und auf zugefrorene Seen blicken. Das Hochschneeweiss in tiefdunklen Nadelwäldern, den natürlich gereinigten Ozon und den Tag, der morgens über die Berge kommt und seinen ersten grossen Schatten wirft. Die Landschaft wird nun von Zypressen beherrscht und der Himmel von Säulen gehalten. Alles ist jetzt grün, weiss und blau, nachdem es einen Winter lang nur weiss und blau gewesen ist.
«Die Hotels leuchten wie stolze Botschaften der Zivilisation an den Küsten oder dampfen wie grosse Schiffe in den Bergen.»
Es gibt wenige Orte auf der Welt, die sich trotz ihrer äusserlichen Gegensätzlichkeit im Inneren doch so ähnlich sind, wie das kosmopolitischste Bergdorf der Welt und der Comersee, die Küste am Ende der Alpen. Manchmal nehmen Erinnerungen ihren Platz ein und hinterlassen Spuren, die das Bild eines Ortes erzeugen, etwas, über das man sich freut, wenn man, von weitem gesehen, sorgsam damit umgeht. Es ist dann nie grösser oder kleiner, sondern immer genau so wie die Orte selbst es auch sind. An beiden hat man etwas von sich zurückgelassen, etwas, das man nur dann wiederfindet, wenn man Jahr für Jahr dorthin zurückkehrt. Die Erinnerung wird zu einem Gefühl, zu dem Parfüm seiner Zeit. Man sagt, dass es für die Bewohner dieses Ortes keine Erlösung gäbe, kein Paradies, weil sie schon jetzt im Paradies leben dürfen. Alles ist sehr symmetrisch und in schönen Formen mit starken Rändern und strahlt in tiefen, durchsichtigen Farben. Das Wetter ist nie heiss und nie kalt und immer angenehm. Morgens fällt die Sonne aus einem anderen, müden Land über die Berge und treibt die Nacht aus den Wäldern und man sieht den See, vom Ufer aus oder vom Balkon eines Hotels, so wie Churchill ihn gemalt hat.
Man sagt, diese Seen seien so tief, wie die Berge hoch sind. Gesehen hat das noch niemand, aber fühlen kann man es schon. Sie sind ganz weich und flach und ähneln Meeren neben still steilem Fels. Altgediente römische Legionäre verbrachten hier ihren Lebensabend. Flaubert hielt diese Region für den sinnlichsten Ort der Welt, sogar der Orient Express hielt damals in Stresa. Hier schafften Künstler es, unter Palmen und voller Pasta, endlich mal nichts zu schaffen. Remarque hatte irgendwo ein Haus, das mit allen Fenster zum See sah. Die Dörfer sind schön, die Gipfel weiss, und die Sehnsüchte der Menschen spiegeln sich in den Wellen wider, die manchmal blau, aber meistens grün sind. Die Welt könnte untergehen und man würde das hier (und in St. Moritz) erst ein paar Tage später mitbekommen, mitgeteilt durch die unaufgeregte Information eines Concierge. Man sagt, die Toten leben hier in den Wolken weiter und Stendhal schrieb, wer zufällig ein Herz und ein Hemd besitzt, solle es verkaufen, um am Lago Maggiore oder am Lago di Como zu leben.
«Flaubert hielt diese Region für den sinnlichsten Ort der Welt.»
Das Kulm und das Hotel am See kommen meiner inneren Welt sehr nahe. Sie leuchten wie stolze Botschaften der Zivilisation an den Küsten oder dampfen wie grosse Schiffe in den Bergen, die durch die Zeit fahren und aus anderen Jahrhunderten gekommen sind. Sie transportieren die Gegenwart einer Vergangenheit, das Erbe der ganz grossen Schönheit, damit es die Welt von gestern auch morgen noch geben darf. Die Salonlöwen, die Blender, Lebemänner und Frauen, die alles lieben, was aufregend ist und einen Wechsel der Szenerie bedeutet. Sie kommen aus Monte Carlo, Nizza, Antibes, Cannes und all den anderen hübschen Orten, an denen das Spiel der Verführung in subtiler, undurchsichtiger und geschickter Weise aufgeführt wird. Diese beiden Hotels bieten dabei die Bühnen, auf denen sich die Grossen ihrer Zeit am liebsten gezeigt haben. Im Publikum neureiche Gehversuche, Aufschneider, Beaus, Handlungsreisende, Hochstapler wie Felix Krull, wie Ripley und wie ich und wir alle, die wir uns als jemand ausgeben, der wir nicht sind, bis wir es werden, weil wir einfach lange genug so getan haben, als ob.
In den Tagen hier trinkt man Aperitifs an der Hotelbar oder fährt Boot mit Erio Matteri Riva. Abends, wenn die Laternen am See an sind, fährt man mit alten Freunden in alten Ferraris die engen Gassen von Lenno und Laglio ab und gibt ordentlich Gas, genau da, wo Mussolini erschossen wurde, bevor man ihn kopfüber in Mailand aufhängte. Vor einem die orangenste Markise der Welt. Im Hintergrund funkelt der See. Man spürt die Höhe der Berge und die Tiefe des Sees und hört ihn schwappen. Es ist dann so schön, dass man gar nicht rauchen braucht. Man sieht auf den See und sieht das andere Ufer, trinkt den Negroni aus und schaut noch etwas länger in die Ferne. Wir sehen uns die Dinge ohnehin nie lange genug an, mit unserer eigenen, reduzierten Bildfrequenz, die doch, so scheint es, die Zeit vorspult, in dem sie deren Wahrnehmung verlangsamt. Zeitlosigkeit entsteht, etwas Endloses, einen Aufenthalt lang. Angelo kommt und bringt einen neuen Drink, ohne zu fragen. Er sagt nur: „wie immer“ und wie schön das hier sei und fragt, ob‘s sonst noch was sein darf?
Über den Autor
Konstantin Arnold (35) ist deutscher Schriftsteller, lebt zwischen Lissabon und Rom und all den schönen Orten dazwischen, an denen das Spiel der Verführung auf undurchsichtige und geschickte Weise über die Bühne geht. Er schreibt Geschichten für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags seine Oliven und seinen Schaumwein leisten zu können. Sein erstes Buch, Briefe aus Lissabon wurde 2020 verlegt und sollte unter gleichnamigem Titel verfilmt werden, bis der Kameramann, den Produzenten nicht zu seiner Hochzeit eingeladen hat.