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Stories
Die Poesie des Raumes

Die Poesie des Raumes

Von
Cécile Christmann

Für den sinnlichen Maximalismus der Lobby des Kulm Hotels zeichnet sich der italienische Designer Lorenzo «Renzo» Mongiardino verantwortlich, der sie in den 1990er Jahren gestaltete. Die Architektin und Autorin Cécile Christmann lüftet nun einige ihrer Geheimnisse und ordnet ihre geschichtliche Bedeutung ein.

Ein Schritt ins Kulm Hotel ist immer ein besonderes Erlebnis. Ganz in der Tradition eines Grandhotels fungieren der Eingang und die Lobby seit jeher als Knotenpunkt für die sich in dem weitläufigen Gebäude abspielenden Interaktionen. Hier finden informelle oder geschäftliche Besprechungen, spontane Treffen oder Amtsgeschäfte statt. Gerade hier, vielleicht mehr als anderswo, entfalten diese Räume Geschichten und Legenden und tragen eine Magie in sich, die Vergangenheit und Gegenwart elegant miteinander verbindet.

Hier kommt die feinsinnige Kunst von Lorenzo «Renzo» Mongiardino zum Tragen, dessen Wirken sich aus einem Büro in Mailand entfaltete. Im Jahr 1997, nur wenige Jahre vor seinem Tod und am Ende seiner produktiven Karriere, stellte der Architekt die beiden Räume des Hotels fertig.

Bereits früh in seiner Karriere machte Mongiardino mit bedeutenden Arbeiten für Film- und Bühnenbilder auf sich aufmerksam, unter anderem in Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Franco Zeffirelli und Gian Carlo Menotti. Später entwarf der Architekt eigenständig Bühnenbilder für renommierte Häuser wie La Fenice und La Scala und wirkte an prestigeträchtigen Opern- und Ballettproduktionen wie Tosca und Nureyevs Nussknacker mit.

Der in Genua geborene Mongiardino erlangte weitere Anerkennung durch ein vielseitiges Spektrum privater Projekte an den bevorzugten Rückzugsorten seiner Klienten, von Landsitzen bis zu Apartments in den pulsierenden Metropolen der Welt. Zwar war seine Arbeit für das Kulm nicht sein einziges Werk im Engadin, er wurde unter anderem von Marella Agnelli mit der Gestaltung der Chesa Alcyon in den Suvretta-Hügeln betraut, doch ist dieses Projekt von besonderer Bedeutung als eine seiner letzten realisierten Arbeiten, die darüber hinaus vom Kulm Hotel über die Jahre in vorbildlichem Zustand bewahrt wurde.

In kleinerem Massstab hat der Architekt auch die Bars des Carlyle in New York und des Grand Hotel Plaza in Rom gestaltet, die beide als Vorläufer für die heute beliebte Form der engen Zusammenarbeit zwischen renommierten Designern und Designerinnen und ikonischen Hotelinstitutionen auf der ganzen Welt gelten.

Mongiardinos meisterhafte Verwendung althergebrachter Techniken findet im grosszügig proportionierten, palastartigen Empfangsbereich des Hotels ihren idealen Rahmen.

Mongiardinos meisterhafte Verwendung althergebrachter Techniken im exzentrischen wie auch historistischen Stil findet im grosszügig proportionierten, palastartigen Empfangsbereich des Hotels ihren idealen Rahmen. Mit achtzig Jahren setzte der Architekt der Vergangenheit ein letztes Denkmal, indem er für den hohen Raum eine Reihe markanter, helltoniger Intarsien-Trompe-l’œil entwarf, gerahmt von dazu passenden Holzpilastern. Die Paneele mit ihren aufeinanderfolgenden, fesselnden Illusionen von Tiefe und Licht verwandeln den gesamten Raum in eine beeindruckende Erzählung. Diese kühne Wahl der Ornamentik ermöglichte es ihm, frei mit unterschiedlichen edlen Holzarten und der kunstvollen Technik der perspektivischen Zeichnung zu spielen, wobei er Dörfer und Interieurs darstellte, die zugleich an das bäuerliche Leben im Engadin und, in überraschendem Kontrast, an prächtige palladianische Architektur erinnern.

Mongiardinos Faszination für die bildlichen und handwerklichen Meisterleistungen, wie sie auch bei den von ihm verehrten grossen Renaissance-Meistern und Handwerkern Anwendung fanden, begann mit der Entdeckung des Studiolos im Palazzo Ducale in Gubbio. Dabei handelt es sich um einen beeindruckenden, mit Täfelungen versehenen Raum aus dem 15. Jahrhundert, der als Studierzimmer für den Adligen Federico da Montefeltro konzipiert war. Wenngleich in bescheidener Zurückhaltung, finden sich weitere Beispiele dieser Technik im Gesamtwerk des Architekten. Dazu zählen etwa das bemerkenswerte «Casa Sharp» in Manhattan oder das Haus von Elsa Peretti in den toskanischen Hügeln. Im Kulm gesellen sich die Paneele zu weichen Teppichen und geschnitzten Polsterstühlen. Diese gruppieren sich wohlüberlegt um einen Tagesplan des benachbarten Cresta Run, der so für seine Mitglieder, langjährige Stammgäste des Hotels, gut sichtbar ist.

Zweifellos gehören die gut erhaltenen, authentischen Mongiardino-Räumlichkeiten zu den besonderen Schätzen des Kulm Hotels.

Über eine breite Treppe gelangt man anschliessend in eine Atmosphäre, die an die fantastische Welt einer mittelalterlichen Szene erinnert. Samtig weiche Schichten aus rotem und goldenem Brokat umhüllen die Hotelgäste, während grosse Kronleuchter den Raum erhellen, wie man sie auch in Versailles erwarten könnte. Die von Mongiardino konsequent eingesetzten, maximalistischen Muster finden sich auf Pilastern, Vorhängen und Wänden wieder. Harmonisch verbinden sie sich mit der tiefen Kassettendecke sowie den Kaminverkleidungen, die selbst den bedeutendsten römischen Palazzi würdig wären. Mongiardinos Sinn für das Aussergewöhnliche, der in vielen seiner Projekte zum Ausdruck kommt, zeigt sich hier in einer Vielzahl kleiner Details: geheimnisvolle Porträts und schmiedeeiserne Waffen wirken wie verzaubert. Eine besondere Stimmung liegt über diesem Raum, kreiert vom italienischen Meister. Selbst an den dunkelsten Wintertagen verleiht die Buntglasdecke dem grosszügigen Saal eine besondere Helligkeit, die durch das offene Feuer und das leise Klirren der Tassen auf silbernen Tabletts noch verstärkt wird.

Von der Strasse abgeschirmt, wirkt das Ballett der weissen Jacken, die durch die mit Bullaugen versehenen Schwingtüren ein- und ausgehen, wie ein präzises Räderwerk, mit dem das Kulm zur Teestunde seine Gäste empfängt. Die goldene Lobby mit den drei grossen Erkerfenstern, die den Blick auf den ruhigen See öffnen, bildet einen eigenen Schwerpunkt. Genau hier, in den weichen Sesseln und mit diesem historischen Ausblick über das südliche Oberengadin, fühlt man sich im Herzen dieser einzigartigen Landschaft.

In der Lobby Mongiardinos wird Schweizer Handwerkskunst durch kunstvolle Holzarbeiten gefeiert. Zugleich ist ein unverkennbar italienisches Flair spürbar, ergänzt durch einen Hauch britischer Eleganz, der an die ältesten Mitglieder der internationalen Gesellschaft von St. Moritz erinnert. Zweifellos gehören die gut erhaltenen, authentischen Mongiardino-Räumlichkeiten zu den besonderen Schätzen des Kulm Hotels. Sie empfangen täglich neue wie langjährige Gäste und bewahren bis heute die kreative Handschrift eines Meisters, der eine ganze Generation von Kennern und Kulturschaffenden geprägt hat. Heute sind diese Räume, entstanden als eines der letzten Projekte Mongiardinos im Herzen des Kulm-Hotelkomplexes, ein bleibendes Zeugnis seines künstlerischen Erbes und der Wahrung von Tradition und Gastfreundschaft.

Diese Geschichte erschien im Buch «Begegnungen/Encounters», publiziert vom Kulm Hotel St. Moritz.

Fotocredit: Flavio Karrer

Über die Autorin

Cécile Christmann ist eine in Paris lebende Architektin, Innenarchitektin und Kuratorin für den Verlag Assouline sowie Schriftstellerin und künstlerische Leiterin. Sie reist leidenschaftlich gern und schreibt regelmässig über Hotels, Gebäude und Städte, und zwar mit Schwerpunkt auf Architektur, Persönlichkeiten und Geschichte.