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Geschichten rund um den «Alpine Playground» von St. Moritz

Bilderjagd mit Lukas Wassmann

Bilderjagd mit Lukas Wassmann

Von
Charlotte Fischli

Es ist wohl nicht zu viel, die Arbeit des Schweizer Fotografen Lukas Wassmann als stilprägend zu beschreiben. Seit den frühen 2000er Jahren fotografiert er Menschen, Tiere, Objekte und Situationen auf eine Art, die gekonnt und mit hohem Wiedererkennungswert die Spannung zwischen nonchalanter Beiläufigkeit und minutiöser Komposition hält. Dieses Jahr richtete er seinen Blick und seine Kamera auch auf das Kulm Hotel. Im Gespräch mit Charlotte Fischli gibt er Auskunft über seinen Prozess und welches Bild er vor Augen hat, wenn er an das Engadin denkt.

Charlotte Fischli: Deine Fotografien wirken spontan, ungekünstelt, beinahe zufällig. Wie viel Planung ist erforderlich, damit Leichtigkeit entstehen kann?
Lukas Wassmann: Ich versuche immer, so naiv wie möglich an ein Projekt heranzugehen und so viel Platz wie möglich fürs Unerwartete zu lassen. Fotografiere ich Menschen, habe ich mir angeeignet, mit möglichst einfacher technischer Ausrüstung auf sie zuzugehen: wenig Equipment, keine vier Assistenten. Und egal, wie bekannt jemand ist: am besten zeigt man sich selbst auch so, wie man ist.

In deinen Bildern treffen Dinge aufeinander, die man nicht zusammen erwartet: Models auf Kühen, Hunde in Schubkarren, Sonnenbrillen auf Tierhäuptern. Wo endet bei dir Konzept, und wo beginnt der Zufall?
Das kommt auf den Auftrag an. Habe ich zehn Handtaschen zu fotografieren, brauche ich einen Plan, wie ich Produkt und Props verbinde. Meine Lehre als Zimmermann und die Affinität zum Handwerk kommen mir da sicher zugute. Grundsätzlich bin ich aber immer auf der Suche nach Gegensätzen, die sich anziehen.

Was aus deiner Zeit als Zimmermann ist in deine Fotografie übergegangen, in deinen Blick, deine Arbeitsweise, deinen Umgang mit Material und Raum?
Sehr viel. Ich habe lange assistiert und dabei verschiedene Techniken kennengelernt. Einer der ersten Fotografen, für den ich in Mailand gearbeitet habe, sagte immer: «Zuerst musst du die Regeln verstehen, dann kannst du sie brechen.» Das Prinzip wende ich bis heute an. Ich kenne das Handwerk, weiss, was es braucht, damit ein Bild scharf ist und genug Licht hat. Aber wie bei einem Zimmermann geht es auch darum, mit diesem Wissen zu improvisieren: Wenn du auf einen Bau kommst und nicht weisst, was hinter einer Fassade steckt, nimmst du ein Brett weg, schaust nach, und findest mit deinen Fähigkeiten eine Lösung.

Welches ist dein wichtigster persönlicher Skill, wenn du Menschen fotografierst?
Auf die Leute einzugehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Klar muss ich eine gewisse Dominanz haben, um ein gutes Bild herauszuholen. Aber ich versuche auch, die Menschen so sein zu lassen, wie sie sind. Was ich über die Jahre gelernt habe, ist die Fähigkeit, jede Art von Person fotografieren zu können: von den einfachsten Menschen bis hin zu denen, die von sich denken, sie seien besonders.

Merkst du im Moment des Auslösens, dass dir ein gutes Bild gelungen ist?
In zwei Dritteln der Fälle, ja.

Wenn man mit dir unterwegs ist und dich beim Fotografieren beobachtet, erkennt man, wie schnell und intuitiv du arbeitest. Du drückst nur wenige Male ab, dann widmest du dich etwas Neuem.
Genau das ist für mich Fotografie. Es gibt für mich nichts, was mühsamer ist, als einen Tag lang an einem einzigen Bild zu arbeiten. Ich mache lieber zwanzig.

Deine Bildsprache lebt vom Unvorhersehbaren. Liegt darin auch eine Herausforderung
Nicht zu wissen, was einen als Nächstes erwartet, ist eine Herausforderung, die nur die Wenigsten aushalten. Das Wetter, das Licht, der Mensch, es gibt so viele unberechenbare Faktoren, die in einem Bild zusammenkommen. Genau diese Ungewissheit macht für mich die Faszination, aber auch die Schwierigkeit aus: aus allem, was einem begegnet, etwas Gutes herauszuholen.

«Was ich über die Jahre gelernt habe, ist die Fähigkeit, jede Art von Person fotografieren zu können: von den einfachsten Menschen bis hin zu denen, die von sich denken, sie seien besonders.»

Welches Bild hast du vor Augen, wenn du ans Engadin denkst?
Der Piz Mezzaun. Der Berg liegt gegenüber von Zuoz, wo die Familie meiner Frau eine Wohnung besitzt und wo wir selbst viel Zeit verbringen. Ich sehe diesen Berg am häufigsten.

Was macht für dich die Magie der Region aus?
Die unglaublich schöne Landschaft, die Ruhe, die Höhe. Unsere Wohnung hier liegt auf 1’700 Metern. Die Natur, die Architektur, die Menschen. Ich gehe immer zum selben Bäcker und plaudere ein wenig mit ihm. Und es gibt ein paar gute Restaurants, die ich sehr schätze. Mit dem mondänen Engadin habe ich nur professionell zu tun. Persönlich interessiert mich dieser Teil nicht.

Beruflich tauchst du aber immer wieder in dieses Umfeld ein. Wie bewahrst du dabei deine eigene Haltung?
Indem ich eine gute Distanz wahre. Ich liebe tolles Design und gutes Essen und ich habe eine Faszination für schöne Dinge, aber mein Leben dreht sich um meine Familie, um Sport, ums Wandern und die Jagd. Ich liebe es, für einen Auftrag in diese Welt einzutauchen, in einem schicken Hotel zu wohnen. Ich kann diese Momente sehr geniessen. Aber ich vermisse überhaupt nichts, wenn ich wieder hinausgehe.

Apropos Jagd: Was hat dich einst zu ihr geführt, und was fasziniert dich daran?
Ich habe früher viel gefischt und wünschte mir irgendwann einen Hund als Begleiter dafür. Durch Recherchen bin ich dann auf die Rasse des Münsterländers gestossen: Sein Wesen wurde als adelig beschrieben; er ist sportlich, nicht zu klein und sehr auf seinen Führer bezogen. Das hat mich gereizt. Ich entschied mich also dafür, mich auf dieses Commitment einzulassen, aber die Bedingung des Hundezüchters an mich war, dass ich die Jagdprüfung mache. Mein erster Hund Gusti und ich absolvierten sie also quasi gemeinsam. Er und ich gingen einen langen Weg zusammen, ich fotografierte ihn und integrierte ihn immer wieder in meine Arbeit. Gusti wurde 14 Jahre alt.

Weshalb bist du bei der Jagd hängen geblieben und wie viel Platz nimmt sie heute in deinem Leben ein?
Die Jagd ist wie ein Virus. Sie zieht dich rein. Nach meiner Prüfung durfte ich in einem Revier in der Nähe meines Zuhauses eine Ausbildung machen, danach wurde ich als Pächter aufgenommen. Später folgte ein zweites Revier, dann die Jagdaufseherprüfung. Inzwischen bin ich Obmann eines Reviers, Jagdaufseher und in der Prüfungskommission. Diese Tätigkeit nimmt heute etwa ein bis zwei Tage pro Woche ein.

In der Jagd geht es viel um Abwarten und Geduld, Fotografie dagegen passiert schnell und intuitiv. Siehst du in deiner Arbeitsweise Parallelen?
Die Jagd hat natürlich auch einen aktiven Teil, etwa das Pirschen, bei dem man sich dem Tier sehr langsam nähert. Auch dort geht es darum, genau zu beobachten, konzentriert zu bleiben und im richtigen Moment eine Entscheidung zu treffen. Beim klassischen Ansitzen kommt die Geduld hinzu: Man sitzt auf dem Hochsitz und wartet. Ich glaube nicht, dass man den Moment des Erlegens mit dem Auslösen einer Kamera vergleichen kann, aber die Konzentration und die Ruhe, die es braucht, sind ähnlich.

Ist Ruhe etwas, das einem später im Leben leichter fällt
Für mich schon. Früher war ich viel aufbrausender und rebellischer. Ich bin nie so gefestigt im Leben gestanden wie heute, mit 45 Jahren.

Fühlst du dich an einem neuen Ort schnell zuhause?
Ja. Ich kann mich sehr gut auf Neues einlassen. Ich war immer gerne unterwegs, bin mit 16 etwa das erste Mal alleine durch Griechenland gereist. Ich liebe es, in neue Umgebungen einzutauchen, mich überraschen zu lassen und Lösungen zu finden. Nach Berlin müsste ich heute aber dennoch nicht mehr ziehen. Aber für drei Tage hinzufahren? Jederzeit.

«Später zu erkennen, dass man einen Moment oder ein Gefühl perfekt eingefangen hat, ist für mich das Beste überhaupt.»

Kennst du Gefühle des Unwohlseins?
Ja, klar, besonders von früher, als ich bei grossen Aufträgen mit wichtigen Kunden immer wieder Unsicherheiten und extremen Druck spürte. Mit den Jahren lernt man, sich selbst nicht so ernst zu nehmen und einfach der zu sein, der man ist. Bei einem Bild geht es um so viel mehr als nur um einen selbst. Das Wichtigste ist, dass man das, was man macht, gut und gerne macht. Bescheidenheit und eine gewisse Distanz zu sich selbst helfen ebenfalls.

Verbindest du diese Haltung mit deinen Schweizer Wurzeln?
Natürlich. Und genauso hat mich die Erziehung meiner Eltern geprägt. Sie haben mich gefordert und meinen Ehrgeiz gefördert, gleichzeitig aber immer dafür gesorgt, dass mir die Dinge nicht zu Kopf steigen.

Die Suche nach dem perfekten Bild ist heute universeller und allgegenwärtiger denn je. Wie hat sich die Bedeutung von Fotografie für dich während deiner Karriere verändert?
Ein gutes Bild finde ich auch heute noch etwas Fantastisches. Selbst eines zu schiessen oder später zu erkennen, dass man einen Moment oder ein Gefühl perfekt eingefangen hat, ist für mich das Beste überhaupt. Ich glaube, viele vergessen heute genau das: Dass es um diesen einen Moment geht, der zählt. Für mich muss Fotografie schnell gehen: rausgehen, den Moment erkennen, abdrücken.

The people in this encounter

Charlotte Fischli is a writer, editor, and brand consultant based between Zurich and Paris. She works across writing, creative concepts, and brand strategy, connecting fashion, design, and cultural clients with audiences and relevant tastemakers. She has collaborated with brands including Chanel, Sézane, St. Moritz Tourism, and TGV Lyria. Fischli is a contributing editor at Bolero magazine and publishes Be My Guest, a Substack newsletter sharing personal recommendations and cultural discoveries with an international readership.

Lukas Wassmann is an artist and photographer living in Switzerland. His practice combines high fashion and rusticity, moving between photography series, portraits, sculpture, woodcraft, and carpentry to explore nature, intimacy, and individual and social ritual. His work has been published in magazines including Kaleidoscope, Interview, and 032c, and his commercial clients include Hermès, Loewe, Louis Vuitton, and Rimowa. In 2026, Wassmann spent time at the Kulm to document its rhythm, creating a new visual record of the hotel.

Lukas Wassmanns Fotos aus dem Kulm
werden in den nächsten Wochen auf Instagram zu sehen sein. @kulmhotel